Das T&L-Weihnachts-e-Buch 2009Technik & Leben e.V.

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Mein Weihnachtsblues

Dieses Jahr dachte ich, der Kelch geht an mir vorüber, denn ich will ihn nicht austrinken. Er überfällt mich ohne mein Einverständnis Jahr für Jahr im Advent, der Zeit der Ankunft. Wenn andere voller Vorfreude werkeln, backen und Geschenke besorgen, holt mich meine Vergangenheit ein. Weihnachtslieder lassen bei mir Tränen fließen, Erinnerungen überborden und den uralten Familienschrecken wieder auferstehen. Ein Kind ist gestorben. Es ist schon lange her, doch fühle ich noch heute sein Gewicht in meinen Armen. Plötzlicher Kindstod – ja das kommt vor- bei anderen, doch nicht bei uns, doch nicht an Weihnachten... Wie kann das Schicksal so grausam sein!

Reiß dich zusammen. Deine Kinder können nichts dafür. Sie wollen Wunschzettel an das Christkind schreiben, Weihnachtsgeschenke für Oma und Opa, Adventskränze und vieles mehr basteln. Die großen Weihnachtsmythologien sollen sie hören. Den Trost der Heiligen Nacht erfahren. Also, reiß dich zusammen, denk daran, organisiere Adventskalender, Hausputz, Kekse, Geschenke, Tannenbaum und Christbaumschmuck. Noch schnell die Wohnzimmertüre abkleben und abschließen, damit die Vorfreude wachsen kann. Und wenn die Kinder tief und fest schlafen, alle Pflichten erledigen. Nur noch schnell dies und das. Und immer rechnen und zittern, reicht das Geld noch für einen Tannenbaum?

Die Mühen lohnen sich, erinnere dich an die glänzenden Kinderaugen zur Bescherung. Schluck deine Traurigkeit herunter. Erinnere dich, wie wir alle mit selbstgebastelten Liederheften beisammen saßen, der Urgroßvater war auch dabei, und jeder durfte sich ein Weihnachtslied wünschen. Wie jedes Jahr sagt meine Tochter das Gedicht von der Weihnachtsmaus auf. Und bei den Kleinen ist „In der Weihnachtsbäckerei“ der Renner. Die Großen mögen es lieber klassisch, depressiv.

Das Fest der Liebe und des Friedens auf der Welt hat seinen Preis. Es ist nicht umsonst zu haben. Der Weg dahin weihnachtlich beschwerlich. Warum sollte es uns auch anders ergehen als Josef und Maria? Der Weg ist weit bis zur Ankunft im luftigen Stall. Gemeinsam erlebte Wartezeit. Naht die besondere Nacht muss ich keinen Wecker stellen. Mein Sohn kümmert sich ab 5 Uhr früh darum, dass seine Mutter auch ja nicht das Aufstehen vergisst. Die Ungeduld umhüpft und umfragt mich: Wann ist es denn endlich soweit? Nach dem Gottesdienst erst. Muss das sein? Wann ist er endlich vorbei? Wie lange noch, fragt er alle 60 Sekunden. Oh Mutterherz, sei geduldig und wachse an deiner Herausforderung.

Kerzenlichter erhellen die dunkle Winterzeit. Ihr Licht tröstet. Und zum Abschluss doppelten Trost abholen: Wenn die Kinder friedlich schlafen, ganz allein und in Ruhe die Christmette besuchen. Eine Kirche betreten, die nur mit Kerzen beleuchtet wird, nur Ich-sein dürfen, keine Rolle tragend, nur mich und meine Traurigkeit mitschleppend, ausruhen, innehalten. Der Spuk ist halb vorbei. Die Familienbesuche stehen noch aus.

Vorbei, vorbei. In diesem Jahr ist alles anders. Zu viele Termine, keine Zeit für Sentimentalitäten. Auch keine Seelenruhe, keine Träne fließt. Die Kinder sind erwachsen. Ich bin nicht mehr allein. Orgalisten müssen geschrieben werden, was noch zu erledigen ist, wer bekommt ein Geschenk, was muss noch eingepackt oder besorgt werden. Abends bei den Nachrichten auf den Teppich gehen. Mich mit Bändern und Papieren umgeben, schließlich soll jedes Geschenk ganz individuell verpackt werden. Die Liebe soll schon aus der Verpackung hervorquellen. Ungesagte Worte transformiert zu Taten. Weihnachtsplätzchen backen, nein, dazu reicht die Zeit nicht mehr. Ein Opfer der Wirtschaftskrise? Nein, ich bin voller Vertrauen, nette alte Damen mit Großmutter-Rezepten werden das besorgen. Köstlich. Also bin ich doch voller Vorfreude. Übrigens, in diesem Jahr waren die Weihnachtsplätzchen meiner Tochter die leckersten. sie stehen bei mir ganz oben in meiner Plätzchen-Hitparade.
Und ich wage den Tabubruch: Gäste, die andere nur beschimpfen und nicht wertschätzen, lade ich einfach nicht ein oder gehe auch nicht aus Höflichkeit hin. In diesem Jahr wird Weihnachten gefeiert – in aller Freiheit, ohne Druck und ohne die alten Gespenster. Das nächste Weihnachtsfest kann kommen, gereinigt und geputzt werde ich es sehnsüchtig erwarten.

Zugeschickt und Copyright © Iris aus Düsseldorf, 2009


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