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Ein Weihnachtsschmaus
von George Tabori
Es war einmal ein armer Dichter, der hieß George. Er hatte eine
gute Frau und sechs liebe Kinder, und sie hungerten alle, weil George
nicht nur keinen Erfolg hatte, er war auch gänzlich unbegabt.
Seine Geschichten ergaben keinen Sinn, seine Handschrift war unleserlich,
und er konnte nicht einmal richtig schreiben. Jahr für Jahr schrieb
er Geschichten und schickte sie den Verlegern, und sie kamen alle
zu-rück mit einer Ablehnungskarte, die eigens für George
entworfen worden war. Darauf stand entweder "Ach, du lieber Gott!"
oder "Doch nicht schon wieder!" oder "Warum versuchen
Sie es nicht mit Korbflechten?".
Eines Tages – es war der Tag vor Weihnachten – kam er
aus seinem Arbeitszimmer, dem einzigen beheizten Raum im Haus, und
strahlte über das ganze Gesicht. "Meine liebe Frau",
sagte er, "meine lieben Kinder! Seit vielen Jahren können
wir uns keine Geschenke leisten, nicht mal einen Weihnachtsbaum. Dieses
Jahr jedoch reicht es nicht einmal für ein Weihnachtsessen, aber
ich habe eine Geschichte geschrieben, nicht für die herzlose
Welt dort draußen, sondern für euch ganz allein, und ich
werd sie euch vorlesen."
Es war eine Kurzgeschichte, und sie war so entsetzlich lang, dass
er vier Stunden brauchte, um sie vorzulesen, und sie war miserabel.
Als er geendet hatte, hing eine Weihnachtsstille über dem Zimmer,
außer dem Knurren von sieben leeren Bäuchen, und die Frau
sagte: "Gib sie mir." Und sie nahm die Geschichte mit in
die Küche, hackte sie in Stücke, fügte eine Prise Salz
und ein paar Körner Reis hinzu, mehr hatte sie nicht in der Speisekammer,
und kochte einen Eintopf, und das war ihr Weihnachtsschmaus. Und da
es eine lange Kurzgeschichte war, wurden sie alle satt. Und das kleinste
der Kinder, es hieß Natascha, sagte: "Die beste Geschichte,
die ich je gegessen habe."
T&L-Weihnachtsgeschichte 2004 • Gefunden in der Weihnachts-Mail
des Buchladen 46, Bonn. www.buchLaden46.de

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