Zukunft der Arbeit und bedingungsloses Grundeinkommen
17. Feb 2009 von Ulrich Buchholz
“Die Zeit der glatten Lebensläufe und der lebenslangen Firmenzugehörigkeit ist für immer vorbei” schreibt ex-dm-Chef Götz Werner in seiner Zwischenbilanz zum Grundeinkommen. Sein Beispiel ist der Schauspieler Heinrich Schafmeister, mit dem er in einer Sendung von Maybritt Illner etwas aneinander geriet. “Schafmeister schimpfte in der Sendung kräftig auf die Politiker … und ihre falsche Wahrnehmung der Arbeitswelt. Er selbst verdiene zwar mit einem Engagement im Großen und Ganzen nicht schlecht, aber auch wieder nicht so gut, als dass er sich zwischen zwei Projekten nicht immer wieder bei der Arbeitsagentur anstellen müsse. An Fälle wie ihn aber würde bei allen Debatten um Arbeit, Einkommen und Sozialtransfers niemand denken. Er sei im Grunde weder arbeits- noch einkommenslos, er könne bloß keine bruchlose Erwerbs- und Rentenbiografie vorweisen.” Götz Werner sieht in dem Beispiel keinen exotischen Einzel-, sondern einen völlig typischen Fall der Arbeitswelt von heute. “Die Arbeitsgesellschaft des 21. Jahrhunderts ist fundamental geprägt durch unstete und brüchige Berufsbiografien. In Bereichen wie der Kultur oder dem Journalismus ist das bloß schon länger bekannt. Künftig wird es aber in der Bank oder bei einem mittelständischen Maschinenbauer nicht anders sein.” Seine Schlußfolgerung aus dem Szenario: “Doch keine Flexibilität ohne ein Fundament. Wenn in der Arbeitswelt alles diskontinuierlich und obendrein wirtschaftlich riskant wird, dann kann es unmöglich sein, dass das, was jeder Mensch kontinuierlich und garantiert braucht, nämlich ein Einkommen zur Sicherung seiner Grundbedürfnisse, auch allein aus Arbeit stammt. … Wie lange und unter welchen Schmerzen sich unsere Gesellschaft der Erkenntnis vom Ende des Normalarbeitsverhältnisses und der gegenläufigen Notwendigkeit eines bedingungslosen Grundeinkommens verschließen will, haben wir alle in der Hand – oder besser gesagt: im Kopf.” (Zur kompletten Zwischenbilanz)
Ein Weg, öffentlich für ein bedingungsloses Grundeinkommen einzutreten, ist die Unterzeichnung der Petition von Susanne Wiest an den Bundestag. Die Frist für eine Unterzeichnung per Mail endet am 17.02.2009. Am 16.02.09 um 24.00 Uhr haben 46.683 Menschen unterzeichnet. 50.000 ist die Zahl, bei der die Petentin zur Anhörung in den Ausschuß eingeladen wird. Ich bin sicher, dass die Zahl erreicht wird. Den Zeitpunkt, an dem sich die abwartende, eher kritisch eingestellte Grundeinkommens-Bewegung von der Petitions-Idee anstecken ließ um sie dann engagiert und vielfältig zu unterstützen, aber auch kontrovers zu diskutieren, haben wir mit einer schlichten Kurve im Blog vom 25.01.09 “eingefangen”. (Zum Blog)
(Link zur Petition)
Es gibt verschiedene Begründungen für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Die Argumentation, dass es trotz Ende der Vollbeschäftigung und starker Zunahme atypischer Arbeitsformen den Menschen Sicherheit zum Leben bieten kann, halte ich für eine der überzeugendsten, innovativsten und zukunftsfähigsten Überlegungen. Und auch nach dem 17.02.09 ist das Grundeinkommen immer noch eine Idee, die weiter verbreitet, erklärt, unterstützt werden muss. Zum einen ist es ist sogar noch möglich, seine Unterstützung der Petition per Brief, Fax oder Postkarte zu signalisieren (die Frist gilt nur für die elektronische Unterstützung), zum anderen gibt es viele Initiativen, in denen mitgearbeitet werden kann und zum dritten gibt es auch die Möglichkeit, sich selber als Keimzelle einer neuen Gruppe, einer neuen Aktivität auf den Weg zu machen …
“Nichts auf der Welt kann eine Idee aufhalten, deren Zeit gekommen ist!” resümiert Götz Werner in seiner Zwischenbilanz und schreibt dieses Zitat Victor Hugo zu, wie viele andere auch. Wikiquote hat allerdings Zweifel an der Urheberschaft und behauptet, dass es eine falsche Zuschreibung ist. Was den Charme des Zitats nicht schmälert …

Technik & Leben e.V.
Hallo,
ich hoffe, dass dieser Spuk mit der Idee eines Grundeinkommens bald ein Ende hat. Diese Idee stellt eine massive Verhöhnung hart arbeitender Menschen dar, die dann mit ihrer Arbeit dieses Einkommen, von dem am meisten die Faulen und Arbeitsscheuen profitieren, finanzieren müssten. Der Gedanke, die Finanzierung über die Verbrauchssteuern vorzunehmen, ist abwegig, weil die Preise für Waren und Dienstleistungen sich vervielfachen müssten, um eine Finanzierung hinzukriegen. Wenn das Grundeinkommen also 1000 EUR beträgt , ich dann aber 1500 EUR für meinen Lebensunterhalt bräuchte, ist die Idee ad absurdum.
MfG
Klaus
hallo klaus,
ich finde die idee des grundeinkommens sehr sympathisch und besser, als das festhalten an der idee der vollbeschäftigung, auch besser als die einschränkungen der freiheit und der würde, wie sie jetzt gegeben sind.
eine verhöhnung kann ich darin nicht sehen, eher eine extreme herausforderung. es gibt menschen, die weiter ihrer erwerbsarbeit nachgehen … und sich fragen müssen, warum sie das machen, woher der sinn für sie kommt. andere gehen keiner erwerbsarbeit nach, sondern anderen arbeiten … oder sind tatsächlich faul … sind aber darauf angewiesen, dass es eben auch die anderen erwerbsarbeiter gibt …. beide profitieren voneinander und sind aufeinander angewiesen (diese problematik wird sehr schön in dem buch von wolfgang engler “unerhörte freiheit – arbeit und bildung in zukunft” beschrieben). die hart arbeitenden menschen haben – so die idee – ja die wahl: weiter hart zu arbeiten, weil sie ihren sinn darin finden, oder aber einen anderen weg zu suchen, den sie gehen können, weil sie ein grundeinkommen bekommen. bekennende faule, müßiggänger, arbeitsscheue gibt es jetzt und wird es vermutlich auch bei einem grundeinkommen geben. nur: wir wissen es (noch) nicht, was diese tun, wenn sie ein grundeinkommen bekommen …
dein rechenbeispiel zeigt tatsächlich, so wäre es eine absurde welt. aber du hast ja eher zwei zufällige zahlen in zusammenhang gesetzt … ich finde allein schon die abschaffung der steuern der einkommensseite eine enorme vereinfachung … und ob das dann rechnerisch klappt und wie sich die preise entwickeln – dafür brauch es etwas mehr vertiefung. hier ist zb ein etwas ausführlicheres rechenbeispiel, das die konsumsteuer als einzige steuer nicht ausschließt, aber dieses modell auch nicht voraussetzt: ute l. fischer / helmut pelzer: ein bedingungsloses grundeinkommen ist bezahlbar und wirtschaftspolitisch sinnvoll. die finanzierung über das transfergrenzen-modell. in: hartmut neuendorff / gerd peter / frieder o. wolff (hrsg.): arbeit und freiheit im widerspruch? vsa 2009
viele grüße
ulrich
Hallo Ulrich,
viele von den hart oder auch einfach nur arbeitenden Menschen würden ganz schnell den Griffel fallen lassen, wenn sie ein gesichertes Einkommen ohne Gegenleistung erhalten würden. Weshalb sollten sie sich noch morgens um 6 aus dem Bett quälen und in die Fabrik oder ins Büro gehen, während der Nachbar um 10 aufsteht und dann gemütlich ins Schwimmbad geht und sich die Sonne auf den Pelz scheinen und den lieben Gott einen guten Mann sein lässt? Was habt Ihr bloß für ein Menschenbild? Jeder Mensch hat Verantwortung für sich selbst und hat für seinen Lebensunterhalt selbst zu sorgen, und erst wenn er das nicht kann (Krankheit, Alter, Arbeitslosigkeit), hat der Staat bzw. die Solidargemeinschaft in einem Sozialstaat dann allerdings auch die Pflicht, ihn zu unterstützen.
Schon am Beginn der Menschheit musste der Mensch als Jäger und Sammler für sich selbst sorgen und konnte sich nicht auf ein vom Himmel fallenendes Manna (“Grundeinkommen”) ausruhen. Außerdem, wer soll dann eigentlich noch das Bruttosozialprodukt erwirtschaften??
Das “schöne Leben” sprich Freizeit, Lebensstandard und Sozialleistungen müssen erst mal erarbeitet werden. Und dazu ist JEDER Mensch, der arbeiten kann, auch verpflichtet.
Klaus
Hallo Klaus,
Du gehörst also auch zu den Menschen, die von sich selbst überzeugt sind, dass sie auch mit einem Grundeinkommen selbstverständlich weiter arbeiten würden, während sie allen anderen direkt unterstellen, die würden dann nichts mehr tun.
Was bitte ist DAS für ein Menschenbild??
Ein Grundeinkommen ist mitnichten dazu gedacht, sich auf die faule Haut zu legen, schließlich soll es auch nur die Grundbedürfnisse des Menschen abdecken.
Aber wieviele quälen sich heute zu einer Arbeit, die sie in keinster Weise befriedigt, nur weil sie andernfalls kein Dach über dem Kopf und keine Lebensmittel bezahlen könnten? Und das nicht nur um 6 Uhr morgens in Büro oder Fabrik, sondern auch um 22 Uhr in Supermarkt oder Krankenhaus. Unterbezahlt und überarbeitet. Während andere, manche trotz guter Ausbildung, andere wegen ihres “hohen” Alters auch keine “anständige” Arbeit mehr leisten dürfen, selbst wenn sie es wollten – weil kein wirtschaftlich rechnendes Unternehmen bereit ist, Menschen für Arbeiten zu bezahlen, die genausogut von Maschinen gemacht werden können. Mit einem Grundeinkommen könnten beide Gruppen ihr Essen und ihre Miete immer noch bezahlen.
Die Überarbeiteten könnten weniger arbeiten, und die Arbeitswilligen könnten ihnen einiges an Arbeit abnehmen.
Wer allerdings nicht um seine Grundbedürfnisse fürchten muss, der kann sich gegen unmenschliche Arbeitsbedingungen ebenso zur Wehr setzen wie gegen menschenunwürdige Maßnahmen wie Hartz 4, 1-Euro-Jobs und Dauerpraktikantenstellen.
Und dann wird es in der Wirtschaft tatsächlich rappeln – dann werden nur die Unternehmen Bestand haben, die
1. sinnvolle und nachhaltige Produkte herstellen oder notwendige Dienstleistungen besorgen
2. ihre Mitarbeiter menschenwürdig behandeln, egal ob sich das nun in höherer Bezahlung, flexibleren Arbeitszeiten, Betriebs-Sozialleistungen oder schlicht einem freundlicheren Betriebsklima äußert
Auf den Rest kann man dann getrost verzichten.
Möglicherweise verschwinden dann auch die Unternehmen, die mittels der Massenmedien ein Menschenbild kolportieren, wie du es oben vertrittst.
hallo jutta,
danke … dass du die auseinandersetzung noch mal fortgesetzt und bereichert hast.
ulrich